12.6./13.6. Ein erfolgreiches Wochenende für unsere Trainingsgruppe; UPDATE 15.6. mit ausführlichem Bericht von Wolfgang Zingl vom Ötschermarathon!

An diesem Wochenende standen u.a. die Landesmeisterschaften (AK und U 18) in den einzelnen Bundesländern auf dem Programm. In Wien gewann Österreichs U 18 Hallenmeister Christopher Zlomek (Jg. 93) die 3000m der U 18 bei großer Hitze in sehr guten 9:36,16 vor seinem jungen Vereinskollegen Dominik Stadlmann (Jg.95) mit persönlicher Bestleistung in 9:46,90. Dominik siegte zwei Stunden später auch noch über 400m in 55,55 (ebenfalls Bestleistung).
In der allgemeinen Klasse holte sich Thomas Stockmaier (Jg. 90) erfreulicherweise in einem taktisch dominierten Rennen und einer 58" Schlussrunde die Silbermedaille und "beerbte" damit Andi Vojta, der voriges Jahr die gleiche Platzierung holte und am Montag nun fix in Prag über 1500m starten wird.
Livia Zoccola (Jg. 99), die für die U 18 Meisterschaften noch zu jung ist, startete außer Konkurrenz über 800m und gewann das Rennen vor allen anderen wesentlich älteren Läuferinnen.

Sehr erfreulich auch die Leistung von Uwe Holli bei den steirischen Meisterschaften. Der von uns betreute Läufer wurde Ende 2009 operiert, musste mehrere Monate pausieren und lief heute drei Tage vor der mündlichen Matura (morgen will er so richtig mit dem Lernen beginnen...) über 800m mit 1:58,23 sogar zu einer persönlichen Bestleistung. Eigentlich wäre er damit sogar steirischer Meister der allgemeinen Klasse geworden, er wurde von seinem Verein aber nur für die U 20 gemeldet, die im gleichen Lauf starteten.

Am Samstag waren aber auch die Österreichischen Meisterschaften im Langdistanz-Berglauf am Ötscher. Auf der sehr schwierigen Strecke über 52km und 1800 Höhenmeter belegte unser Wolfgang Zingl überraschenderweise den 4. Platz, wobei er beim letzten Anstieg sogar noch auf Bronzenmedaillenkurs unterwegs war, die er dann nach über 4 Stunden Laufzeit nur um ca. 2 Minuten verpasste. EINEN AUSFÜHRLICHEN BERICHT FINDEN SIE AM ENDE DIESES BEITRAGES!

Am Sonntag gewann dann Melanie Spangl (Jg. 88) die Tiroler/Salzburger Kombi-Landesmeisterschaften über 1500m vor Sophie Wallner (Jg. 92), die beide von uns mit Trainingsplänen versorgt werden. Sophie, die am Samstag auch die 800m in 2:22 gewann, wird für ihre Leistung letzte Woche bei den Berglaufstaatsmeisterschaften sogar für die Berglauf EM am 3.7. in Bulgarien in der U 20 Klasse nominiert.

Bei dieser EM wird auch die etwas ältere Carina Lilge-Leutner (Jg. 1960) dabei sein, die heute beim steilsten Berglauf Österreichs auf die Katrin Alm in Bad Ischl den zweiten Rang hinter Staatsmeisterin Margit Eglseder belegte und dabei schon wieder bis auf 6 Sekunden an ihre Streckenbestzeit aus dem Vorjahr herankam.

Bei den Wiener Meisterschaften am Sonntag steigerte Thomas Stockmaier seine 1500m-Bestleistung auf gute 4:19,26 und holte damit die Bronzemedaille. Und auch bei Christoph Vetchy geht es nach der langen Verletzungspause weiter aufwärts, er lief 4:42,51 und belegte Rang 6.

Unser Masters-Läufer Jakub Bossowski steigerte im strömenden Regen seine 800m Leistung auf 2:05,98.

Nun der interessante Bericht von Wolfgang ZINGL von den Langdistanz-Berglaufmeisterschaften:

ÖSTERREICHISCHE MEISTERSCHAFTEN BERGLAUF LANGDISTANZ

12.6.2010, Lackenhof am Ötscher

 

 

„Der Ötscher ist mir egal", ließ ich alljene, die es hören wollten aber sicherheitshalber auch all die, die es nicht interessierte, wissen. „Einfach Woche 41 meiner 44-wöchigen Vorbereitung auf den Ultratrail Verbier. Ein ganz normaler Samstag, an dem ich laufen gehe. Wie immer"

 

Mit diesen und ähnlichen Worten versuchte ich in erster Linie mich selbst zu beruhigen.  Der Ötscher Ultramarathon ist landschaftlich wohl einer der schönsten Läufe Europas, ausgezeichnet in Internationalen Laufzeitschriften lockt er alljährlich Starter aus aller Welt nach Lackenhof. Mir hingegen, mir hat diese  Strecke nichts als Schmerzen und böse Erinnerungen bereitet. Meine bisherigen beiden Starts 2007 und -08 kann man bestenfalls als desaströs bezeichnen. Heute noch wache ich schweißgebadet aus einem Albtraum auf, in dem ich mich völlig entkräftet und dehydriert irgendwo zwischen Kilometer 40 und 45 befinde, ohne realistische Chance es bis ins Ziel zu schaffen.

Geplagt von bösen Vorahnungen war ich einer von zirka 140 Läufern und Läuferinnen, die bei herrlichen Bade- , aber miserablen Laufwetter ins Rennen gingen um die Besten des Landes auf der Berglauf Langdistanz zu ermitteln. In aller Bescheidenheit zähle ich mich selbst zu diesen, um mein angestrebtes Ziel Medaille erreichen zu können würde es jedoch notwendig sein ein smartes Rennen zu laufen. In Wahrheit hat zumindest der erste Tag des zweitägigen Ultras (wobei nur der erste für die ÖMS gewertet wurde) wenig mit einem Berglauf zu tun, ich würde ihn mehr als hügeligen Geländelauf bezeichnen. Auf seinen 50 Kilometern weißt er gerade mal offizielle 1850 Höhenmeter auf, laut meiner eigentlich verlässlichen Suunto sind es sogar nur 1400. Dies soll aber keinesfalls eine Kritik an der Strecke sein, nur weist sie eben leider nicht die „Essenzen" auf - steile, lange Anstiege, technisch schStart zu den Bergmarathon-Meisterschaftenwierige Bergabstücke - die ich zu meinen Stärken zähle.

Solche Überlegungen  waren es auch, die  mich davon abhielten das forsche Anfangstempo der Führungsgruppe mitzugehen sondern auf den anfänglichen 11,5 (Forst)Straßenkilometern mein eigenes zu laufen. Gesellschaft leistete mir mein Lauffreund Hubert Pfeifenberger. Nach mehr als zweijähriger Verletzungspause feierte er ein tolles Comeback, Doppelgold ( M45 und Mannschaft ) bei der Berglauf ÖMS ließ er nur eine Woche später doppeltes Silber folgen. Zu Beginn des ersten Geländestückes, wo es auch einen kurzen, jedoch steilen Anstieg gab, lagen wir an 5. und 6. Stelle. .

(Anmerkung: Vorneweg lief der Jordanier Salameh Al-Aqura, ein 2:12 Marathonmann und Marathon de Sables Gewinner, sein gewohnt einsames Rennen, da er für die ÖMS keine Rolle spielt zähle ich ihn im Verlaufe meines Berichtes nicht mehr mit; zudem sehen wir alle ohne ihn viel besser aus J )

 

Auf besagtem Anstieg überholten wir sehr schnell Mitfavoriten Heinrich Prokesch und einen weiteren mir unbekannten Läufer, lagen also bereits auf Medaillenkurs. Die nächsten 8 Kilometer führten, unterbrochen von einer ca 2 Kilometer langen Flach/Bergabpassage, bergauf, eine meiner wenigen Möglichkeiten aktiv ( d.h. keiner bricht ein) Zeit zu gewinnen. Das Rennen verlief wie geplant, zumal ich mir zumindest bei einem der beiden Läufer, die momentan noch voran lagen, sicher war, dass er später Federn lassen würde.

Einzig mein Magen bereitete mir Sorgen, obwohl ich nichts anders gemacht habe wie in all den langen Trainings erprobt, bereitete er Probleme, war ich nicht in der Lage meine Ernährungs- und vor  allem Flüssigkeitsstrategie einzuhalten. Als ich bei Kilometer 15 bei meiner  Freundin (und baldigen Frau) Brigitte die leere 0,6 l Flasche  gegen eine neue austauschte, hatte ich selbst kaum was davon getrunken, den Großteil davon der dankbare Hubert. 

Mit wenig Energienachschub unterwegs zu sein stellt für mich  nichts Neues dar, es ist eine bewährte Trainingsform im Ultrabereich mehrere Stunden ohne Zucker zu laufen um den Körper zu zwingen die Fettverbrennung zu optimieren, größere Sorgen bereitete mir der Flüssigkeitsverlust, auch spürte ich schon eine leichte Müdigkeit in den Beinen wo unter normalen Umständen noch Frische stecken hätte müssen. Ich ging jetzt dazu über mich „extern" zu kühlen, nahm mir die Zeit mich bei den Labestationen, die in vorbildlicher Manier alle 5 km angeordnet waren, abzuduschen. Bis Kilometer 20 liefen Hubert und ich zu zweit, dann tauchte wie aus den Nichts Wolfgang Wallner auf. Er sah so locker und frisch aus als sei er erst von hier losgelaufen. Was allerdings nicht der Fall war, wir hatten uns am Start ein gutes Rennen gewünscht. Wolfgang hatte fraglos ein besseres, beim folgenden Anstieg hinauf zu Kilometer 23 ließ er mich stehen und als ich wenig später auch Hubert nicht mehr folgen konnte rückte die erhoffte Medaille in weite Ferne. Es war weniger die entschwindende Medaille sondern der Umstand bergauf abgehängt zu werden, der mir einen herben Tiefschlag versetzte.

In 3 Wochen stehe ich am Start eines Rennens, wo ich auf 110 Kilometer 7000 Höhenmeter bewältigen muss, ich habe 8-stündige Trainings mit über 4500 Höhenmeter gemacht und hier wurde ich an einem Idiotenhügel abgeschüttelt, konnte diesen nichtmal durchlaufen !

Wenigstens stellte sich erstmals ein Durstgefühl ein, ich nahm dieses zum Anlass anzunehmen meine Magenprobleme wären beseitigt und nutzte die langsame Geschwindigkeit möglichst viel zu trinken. Ich lief jetzt im Niemandsland, vor als auch hinter mir keiner zu sehen. Zwar lag ich in meiner Altersklasse voran und somit auf Goldkurs, aber mit 38 sah (und sehe) ich eine Mastersmedaille nur als Trostpreis an, zumal auch 3 der 4 Athleten vor mir älter waren und definitiv bewiesen, dass ich NICHT alt bin !

Oben angekommen kam ich bei einer der ganz wenigen Kilometermarkierungen  vorbei: Noch 27 Kilometer stand darauf geschrieben. Eine Menge Athleten sind nach dem  folgenden Bergabstück aus dem Rennen gestiegen, ich wage zu behaupten bei zumindest der Hälfte von ihnen war der Grund dieses Schild: „Gott, noch 27 Kilometer ? Wie kann das sein, ich lauf doch schon seit Tagen, bin völlig platt und habe noch nicht mal die Hälfte ?"

Mich hingegen erinnerte dieses Schild, dass es in jedem Ultra Phasen der Stärke und solche der Schwäche gibt. Auf jedes Tief folgt ein Hoch. Die Kunst ist es im Hoch nicht zu überpowern, im Tief Dich nicht aufzugeben. Ich dachte an letztes Jahr. Als ich in Frankreich 80 Kilometer mit zwei gebrochenen Rippen gelaufen war. DAS waren Schmerzen ! Aber heute ? „Quäl Dich Du Sau", hatte mir der namhafte Trainer Willy L. mit auf den Weg gegeben.

(Tatsächlich bedient sich Willy L. im Regelfall einer geschliffenen Rhetorik, stammt das Zitat vom Deutschen Radprofi Udo Bölts, der 1997 so Jan Ullrich zum Toursieg trieb)

 

Die folgenden 7 Kilometer bergab konzentrierte ich mich auf einen lockeren, flüssigen Schritt, darauf so viel zu trinken wie es mein Magen zuließ, schüttete den Rest der Flasche über den Kopf. Das zuvor erhoffte Hoch trat in dem Moment ein, als ich zwei Läufer ein- und überholte. Sowohl Hubert als auch Andreas (Fuchslugger) machten nicht mehr den besten Eindruck auf mich - aber wer tut das noch nach beinahe  30 Kilometern in solcher Hitze ?

Ich erreichte die Labestation Eibenboden nach 2:14 Stunden. 2:15 hatte ich geplant gehabt, trotz meiner kurzen Krise noch so gut im Rennen und somit Kampf um Edelmetal zu sein war nicht das einzig Erfreuliche. Laut und deutlich - und ich schwöre, es war kein anderer Läufer hier ! - hörte ich eine helle Mädchenstimme:  „DAS ist der coolste Läufer. Mit Abstand ! Schau da den an !"

Es genügt eben nicht nur schnell zu laufen. Sorry Salameh, Thomas und Wolfgang !

( So irgendeiner der nachkommenden Läufer die selben  Worte zu hören bekommen hat: Behalte es bitte für Dich. Ich will´s gar nicht wissen !)

Ein letztes Mal tauschte ich meine  leere Flasche gegen eine neue,  unnötigerweise auch die kleinere, noch volle Gelflasche gegen eine andere selben Geschmacks. Das nächste Mal würde ich Brigitte erst in Lackenhof sehen. So ich überhaupt dorthin  kam, zuvor musste ich noch durch die Ötschergräben. Die Luft hier war unterträglich, angeblich wurden hier zur Mittagszeit 40 Grad gemessen, man hatte das Gefühl plötzlich eine Tür zu öffnen und in die Saune zu treten. Anders als die allgemeine Meinung macht es sehr wohl einen Unterschied ob es 36 oder 40 Grad hat ! Allen Zweiflern sei versichert, ich weiß genau wovon ich spreche ! Schon nach wenigen hundert Meter beschlichen mich böse Vorahnungen - oder wars ein Déjà vu ? Hier drin hatte auch in den Jahren zuvor das Unheil seinen Lauf genommen,  hatte ich das dringende Bedürfnis verspürt einfach umzukehren. Ich ignorierte es auch diesmal. Ich war etwa 500 Meter unterwegs als mich Andreas ein- und kurz darauf überholte. „Ob Brigitte noch da wäre wenn ich doch noch umkehre ?", überlegte ich. „Die Sache steht und fällt mir Sven (den sie auch betreute), wenn der schon durch ist bin ich erledigt und sie ist am schnellsten Weg verschwunden um meinen Zieleinlauf zu erleben !" Sicherheitshalber lief ich weiter, fand bald einen erträglichen Rhytmus und vergaß auch nicht aufs Trinken, nahm ein wenig Zucker. Ich lief zu Andi auf und - da er langsamer zu werden schien - an ihm vorbei. Eine zeitlang spürte ich ihn noch hinter mir, dann war er weg. Ich war mit meiner Theorie mehr als 30 Kilometer zuvor also richtig gelegen ! Somit lag ich wieder auf Bronzekurs, es war aber auch durchaus möglich, dass sich ein paar hundert Meter vor mir gerade zwei Dramen abspielten und ich plötzlich in Führung liegen würde. Im anderen Fall, ich überlegte wer noch hinter mir sei. Selbst wenn ich die zuvor überholten Läufer unter „erledigt" ablegte, es blieben noch genug andere Kandidaten übrige. Die Österreichische Elite auf der Langdistanz war nahezu vollständig vertreten, einzig der Titelverteidiger fehlte. Möglicherweise zog er einen Badeurlaub im nahegelegenen Kroatien den Meisterschaften vor, vermisst wird ihn ob seiner illustren Bekanntschaften ohnehin niemand haben.

Rennsituationen wie diese sind mir nicht neu, einer der (wenigen ?) Vorteile des Älterwerdens. Ich beging nicht etwa den Fehler mein Tempo zu forcieren sondern lief einfach so locker wie möglich weiter,  wusste nur zu gut, dass ich auf der Klinge balancierte und jederzeit hinunterfalle konnte. Ein Fehler nur, ein zu schnell gelaufener Kilometer etwa, und man würde das Ziel vielleicht gar nicht sehen.

(Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, Andreas hatte einen Hitzeschlag erlitten und wurde von der Bergrettung abtransportiert, auch andere Läufer mussten aus dem selben Grund teils bei km 45 das Rennen beenden)

So ich zuvor von der Weisheit des Alters gesprochen habe, beruhigender Weise bin ich nicht alt genug um einen jeden Schnitzer schon zu kennen: Eine kurze Unachtsamkeit auf einem eigentlich einfachen Stück und schon stürzte ich, schlug mit Kopf und Oberarm heftig gegen einen Felsen. Erfreut mir diesen nicht gebrochen zu haben - den Kopf konnte ich auch später noch abchecken - sprang ich auf die Füsse und sprintete ein paar Schritte weg bevor ich wieder in mein normales Tempo verfiehl. „Gurd is gaungan, nix is gschegn", dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch. Zwar blutete ich ein bisschen  an Knie, Hand und Oberarm aber sind wir uns doch ehrlich, sieht es nicht ungleich besser aus der Laufhero kommt schmutzig und blutend ins Ziel ? Ich versprach mir später ein bisschen noch ins Leibchen und vielleicht sogar Gesicht zu schmieren, quasi als Belohnung, wenn ich den dritten Platz halten würde, als ich zu meiner Zuckerflasche griff - die nicht mehr da war ! Ich musste sie beim Sturz verloren haben. Bis zur nächsten Labe mochten es 3 Kilometer sein, ich lief seit längerem auf „Reserve", dieses Stückchen sollte aber noch zu schaffen sein. Vorm Ausstieg aus den Gräben machte ich noch die paar Meter zum Fluß hinab, duschte mich mehrmals ab und füllte die mittlerweile leere Flasche neu auf. Dann begann ich mit dem Anstieg. Dahinter wartete die Labestelle auf mich. Im Training war ich dieses steilste Stück der Strecke flüssig hochgekommen, hatte noch zu Sven gesagt, ich würde mir mehr von dieser Sorte wünschen. Gott sei Dank gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung ! An Laufen war hier nicht mehr zu denken, als ich auch nicht mehr gehen konnte kam ich auf die gute Idee es auf allen Vieren zu versuchen was gar nicht mal so schlecht klappte. Ich glaube mich erinnern zu können hier zwei Wanderer gesehen zu haben, möglicherweise haben sie mir aufmunternde Worte zugerufen. Ich weiß nicht ob und was ich geantwortet habe, so es etwas Obszönes war, ich möchte mich an dieser Stelle aufrichtig dafür entschuldigen! Ein jeder Anstieg, selbst der längste, hat mal ein Ende und auch dieser machte keine Ausnahme. Oben angekommen schaffte ich es sogar wieder zu laufen. Knapp vor der Labe kam mir mein Freund Harry Gschwandegger (der auf  Cousin Heinz Prokesch wartete) entgegen. „Super schaust aus Wolfi", log er.

„Du  mich auch, Harry !"

 

Zur Labe war es jetzt nur noch ein Katzensprung, dort angekommen kippte ich 3 Becher Cola hinunter. Dieser schnelle Zucker erschien mir jetzt das Richtige zu sein, den angebotenen Köstlichkeiten wie Bananen, Trockenfrüchten oder Butterkeksen traute ich nicht. Hier beging ich auch den letzten Fehler des heutigen Tages: „Soll ich die Flasche wieder auffüllen ?"

„Ja bitte. Voll mit Wasser !"

 

„Warum hast Du kein Cola genommen ?" fragte mich Brigitte am Abend.

Ja, warum habe ich eigentlich kein Cola genommen ?

 

Von der nächsten Labe und dem finalen Anstieg trennten mich 5 Kilometer Forststraße. Auch mit dieser verbinde ich ganz, ganz schlechte Erinnerungen: 2007 hat mich hier mein Bruder Norbert auf sein Rad gehoben und, da ich von Durchfallattacken geschüttelt zu schwach zum Pedalieren war, ins Ziel geschoben. Ein Jahr später wars kaum besser, nur dass damals leider kein Rad zur Verfügung stand.

 

Ich richtete den Blick nie weiter als einen halben Meter voraus und setzte einen Fuß vor den anderen. Mit jeden Schritt den ich lief rückte mein Traum näher, ich lag immer noch auf Platz drei und hinter mir war niemand zu sehen. In regelmässigen  Abständen trank ich aus meiner Flasche, spritzte mir Wasser ins Gesicht. Die Dinge sahen wieder gut aus ! Wenn ich es bis zur Labe und somit dem letzten Anstieg schaffe die Position zu halten lass ich mir das nicht mehr nehmen !

200 Meter davor erwischte er mich. Der Mann mit dem Hammer ! Hier ging es sogar leicht bergab, maximal war es eben, dennoch musste ich gehen und dann sogar stehen bleiben. Plötzlich, wie aus dem Nichts, kamen von hinten zwei Läufer heran. „Gott, das darf ja nicht wahr sein !" Ich fiehl wieder in einen Laufschritt, erreichte die Labe Bruchteile vor ihnen. Einer, das erkannte ich an der Startnummer, war für die Staats nicht gemeldet. Mit dem anderen, mir unbekannten Läufer, würde ich um Bronze kämpfen müssen. Drei hastig runtergespülte Cola müssten genügen, die Flasche um Gewicht zu sparen nicht mehr ganz voll und es ging weiter. Eigentlich wäre das hier mein Wunschszenario gewesen, hier am Schlussanstieg im Bereich einer Medaille zu liegen und meine Stärke im Steilen - 60 kg, den schmächtigen Körper eines Unterernährten in Kombination mit der mächtigen Beinmuskulatur eines Bodybuilders - voll ausspielen zu können. Etwa zweihundert Meter lagen wir gleichauf, dann klopfte ich Franz Berger (wie ich später erfuhr) am Rücken, wünschte alles Gute und begann zu gehen. Ich hätte erwartet mich spätestens jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, furchtbar zu ärgern, zu beschimpfen und verfluchen. Nichts davon widerfährt mir, ich sitze ruhig da, denke an den Moment zurück und weiß, alles was ich noch hatte habe ich gegeben, leider war es nicht genug.

 

Die letzten Meter Anstieg bewältigte ich teils wieder auf Händen und Füssen. Es überraschte mich nicht im Geringsten zu sehen, dass der ORF hier eine Kamera postiert hatte. Ich bin aber guter Dinge, dass mich niemand erkennen wird, war ich in den letzten 4 Stunden doch um geschätzte 15 Jahre gealtert !

 

Der Weg ins Ziel hinunter verlief unspektakulär, ich kann nicht sagen, dass ich ihn genossen habe, dank der Schwerkraft war er aber auch keine Strapaze mehr. Herbert Egger, Veranstalter und Zielsprecher in einer Person, verkündete noch einer staunden Menge, dass „hier ein noch unbekannter Läufer eine besonders wagemutige, steile Route hinab ins Ziel läuft."

Ich hatte nunmal wenig Grund noch eine Ehrenrunde zu drehen......

 

Wie das nunmal so ist im Leben habe ich in dem Moment, als mich Franz überholt hat, nicht nur Bronze sondern auch den goldenen „Trostpreis" in der M35 verspielt.

Hätte ich was besser machen können ?

Na klar ! Wäre mir der perfekte Lauf bereits gelungen, ich würde nicht schon seit 27 Jahren laufen sonder mir was Schwierigeres suchen ! So freue ich mich schon auf das 28. - und all die Rennen, die ich davor noch laufen werde.

 

 

Dank dem werten Leser für die Geduld eine seitenlange Aufzählung banaler Wochenenderlebnisse bis zum Ende durchzulesen was meine eigene Leistung an besagtem Wochenende fraglos übertrifft - und Bitte um Entschuldigung, dass es tatsächlich selbst am Ende keine Pointe gab. Den allergrößten Dank aber an Brigitte für die unglaubliche Betreuung. An diesem Tag wie auch an einem jeden anderen.

 

 

(weitere Fotos kommen noch)