27.7. EM-Tagebuch, Tag 3, Vormittag + Nachmittag

Clemens Zeller blickt schon etwas skeptisch vor dem StartEs hat nicht sollen sein für Clemens Zeller. Die letzten Tage hatte er die Achterbahn der Emotionen gleich mehrfach befahren. Vor einer Woche machte sich ein Problem am Oberschenkel bemerkbar. Das Team unter Dr. Alfred Engel und Ingrid Müller leistete bis zuletzt Schwerarbeit und ein Start war gesundheitlich vertretbar. Clemens wollte das natürlich auch mehr als alles anderes, wusste er doch um seine prinzipiell sehr gute Form.

Er startete auch zum 400m-Vorlauf, obwohl sich schon beim EinlaufenClemens Zeller noch bestens im Rennen nicht alles anfühlte wie gewollt. Er lief eine starke Startkurve und nach ca. 120m, gerade in dem Moment, als er sich dachte: "He, das geht aber gut", schoss ihm im linken Oberschenkel hinten der Krampf ein. Aus, vorbei, er humpelte deprimiert von der Bahn und musste zur Kenntnis nehmen, dass fürs Weiterkommen in die nächste Runde eine Zeit gereicht hätte, die er sonst um 3 in der Früh laufen könnte. Barcelona ist damit (sportlich) bereits Geschichte für Clemens, aber er und sein Trainer Edi Holzer werden nach dem Auskurieren der Verletzung bereits längerfristig die Weichen in Richtung Hallen EM 2011 in Paris stellen. Dafür drücken wir schon jetzt die Daumen.

aus und vorbeiSo ist das eben im Sport, es geht nicht immer gerecht zu. Schade auch für das österreichische Team, das sich geschlossen in bester Stimmung und zuversichtlich präsentiert, dass ausgerechnet mit einem unserer aussichtsreichsten Kandidaten der Beginn der EM gar nicht so nach Wunsch verlief.

Dafür gewann im ersten Bewerbder Tiroler Schwazer (links) holt Silber im 20km Gehen des Tages - dem 20km Gehen der Männer - ein Tiroler die Silbermedaille! Nur leider ist der von der falschen Seite des Brenners, es geht um den Südtiroler Alex Schwazer, der in Peking gar Olympiasieger über 50km wurde. Wären die Vertragsverhandlungen von Saint Germain 1919 ein wenig anders ausgegangen, hätten wir jetzt also schon die erste Medaille...

Oder russische Sieger (19 Jahre) bwohl der Gehsport natürlich innerhalb der Leichtathletik ein Nischen-Dasein fristet, so zeigte sich bereits um 8:05 in der Früh, dass auch dieser Bewerb genügend Klasse und Spannung bot, dass viele tausende Zuschauer am Streckenrand (1km Wendepunktstrecke) auf ihre Rechnung kamen. Gewonnen hat der 19-jährige (!) Russe Stanislav Emelyanov, der aufgrund seiner Vorleistungen zumindest zu den Favoriten zählte. Der ginge damit altersmäßig sogar als Enkerl eines durchschnittlichen Teilnehmers bei Österreichischen Geher-Meisterschaften durch...

Ein anderer Mitfavorit war hingegen nicht am Start: der Norweger Erik Tysse, immerhin Olympiafünfter von Peking, wurde vor einer Woche gesperrt, weil in seiner Dopingprobe nach einem Wettkampf im Mai in Italien das EPO-Mittel CERA nachgewiesen wurde. Da werden sich wohl ein paar andere zu Recht gefreut haben.

Heute am Abend ist dann auch aus österreichischer Sicht wieder Hochspannung angesagt, wobei für die Lauf-Fans sicherlich der 10.000m Lauf mit Michael Schmid im Mittelpunkt stehen wird. Im Gegensatz zu unseren Mittelstreckler Rapatz (800m) und team2012.at-Läufer Vojta (1500m), die morgen antreten werden, wird bei den 25 Stadionrunden die Taktik nicht so sehr im Mittelpunkt stehen. Mit einer vernünftigen Renneinteilung kann Michael (früherer Hobby-Bodybuilder!) vielleicht auf den letzten Kilometern ein paar Konkurrenten "einsammeln" und wenn er bei halbwegs normalen Bedingungen in die Nähe seiner Bestzeit (knapp unter 29 Minuten) kommt, wird ihm niemand einen Vorwurf machen können. 

Der Nachmittag:

Na ja, manchmal kommts eben anders und manchmal auch schlechter als man denkt. Gar nicht so einfach, viel Positives am heutigen Nachmittag der Österreicher zu finden. Ryan Moseley mit 10,38 über 100m bei ordentlichem Gegenwind war die beste Leistung des Tages, mit der er auch souverän als Gesamtzehnter in die nächste Runde wDa gings Michael Schmid noch guteiterkam. Erbaulich für die hellhäutige Weltbevölkerung, dass der Franzose Lemaitre, der kürzlich als erster Weißer die 100m unter 10" sprintete (9,98") hier auch in den Vorläufen der absolut Schnellste war. Zum Glück auch schneller als Mega-Doper Dwain Chambers, der zwar nicht bei Olympia starten darf und praktisch zu keinem Meeting mehr eingeladen wird, aber bei der EM hier seine Show abziehen darf.

Schade, dass Elisabeth Pauer im Speerwurf nicht ganz das erreichte, was sie sich vorgenommen hatte. "Ich möchte meine Leistungen im Bereich von 56 - 58 Meter stabilisieren", letztendlich wurden es 53,45m und damit doch ein gutes Stück von ihrem Rekord ("ein positiver Ausreßer") von 61,43m entfernt. Trainer Gregor Högler ortete offensichtlich unter der Anspannung des Großereignisses technische Mängel: "Sie hat so steif geworfen, wie wenn sie eine Ritterrüstung angehabt hätte", ging er mit der sympathischen Werferin hart ins Gericht, nahm aber auch "50%" der nicht erhofften Leistung auf seine Kappe.

Michael Schmid, der seit einiger Zeit ohne Trainer trainiert, wagte das Experiment einer speziellen Vorbereitung, wobei er praktisch direkt vom Höhentraining in St. Moritz zum Wettkampf anreiste. Das hat in manchen FäDas Ende der EM für Michael Schmidllen schon gut funktioniert, oft aber ging der entsprechende Plan aber nicht auf wie gewünscht. Gscheiter ist man natürlich immer nachher. Das Rennen begann recht vorsichtig mit einem ersten Kilometer in ca. 3:00. Michi, der in die Nähe seiner Bestleistung laufen wollte, lief deshalb richtigerweise auch vorerst unter den Top 3 mit, auch um damit dem Geplänkel mitten im Pulk zu entgehen. Der zweite Kilometer war mit 2:52 schon etwas schneller, Michael noch immer sehr gut positioniert. Dann begannen aber die Rhythmuswechsel der starken Läufer und der Student aus Bad Ischl wurde Platz um Platz nach hinten durchgereicht. Nach ca. 6km beendete er das Rennen vorzeitig und er saß wie ein Häufchen Elend am Rand der Bahn. Bei 25 Grad konnte man von Michael sicherlich keine Bestleistung erwartet, aber ein "DNF" tut immer weh.

"Am Anfang habe ich mich recht gut gefühlt, aber irgendwann war ich so leer und es ging einfach nichts mehr", sagte Michael nach dem Rennen. Natürlich war die Enttäuschung bei ihm sehr groß, aber es war seine erste EM und mit 26 (und wenigen Trainingsjahren) hat er auf der Langstr10000m Zieleinlauf mit Sieger Mo Farahecke sicher noch die besten Jahre vor sich.

Wenn man die Österreicher-Brille ablegt, dann war das 10000m Rennen überaus spannend bis buchstäblich zur Ziellinie. Gold ging letztlich ungefährdet an den Briten Mo Farah, während Silber und Bronze zeitgleich an einen weiteren Briten únd einen Italiener vergeben wurden.

Morgen ist also der Tag von Andreas Vojta. Heute wurde die Auslosung bekannt gegeben. Andreas wird im zweiten Semifinallauf um 20:50 gegen 13 Konkurrenten starten, der im Normalfall schneller als der erste Lauf sein wird. Der Aufstiegsmodus für das Finale wäre 4 + 4, also die ersten 4 aus jedem der beiden Semifinale plus die weiteren 4 Zeitschnellsten. Das wird natürlich ganz schwierig für den Drittjüngsten im gesamten Feld, aber warten wir ab.