Direkt schade, dass wir manche Superlative aufgrund der so erfreulichen Entwicklungen der letzten Wochen und Monate schon verbraucht haben, denn jetzt bräuchten wir diese mehr als je zuvor. Wenn ein Traum wahrgeworden ist, dass sich Andi mit 21 Jahren als Aushängeschild des team2012.at heuer für die Europameisterschaft qualifiziert hat, was soll man dann schreiben, wenn er DIE Sensation im Österreichischen Team der bisherigen Einsätze nun geschafft hat und sogar ins Finale gestürmt ist???
Bleiben wir deshalb bei den Fakten. Andi war sicherlich hoch
motiviert und gut eingestellt auf das Rennen, was ja gar nicht so einfach war, da er gleichzeitig Platzierung und Zeit im Auge haben musste. Grundsätzlich war das Ziel natürlich das Erreichen des Finales.
Man muss dieses Vorhaben im Rennen auch umsetzen können, wo die Gegner grundsätzlich alles tun, um den eigenen Plan zum Scheitern zu bringen. Andi hat das in beeindruckender Art und Weise geschafft. Für das Finale musste ein perfektes Rennen her (und etwas Glück) und genauso perfekt hat Andi seine bisherige größte sportliche Herausforderung gelöst. Ein schneller Start auf den ersten 50/60m, um sich aus dem Gedränge herauszulösen. Grundsätzlich wollten wir kein sehr hohes Grundtempo, weil sonst das Ergebnis weitgehend der Meldeliste entsprochen hätte, wo Andi eher am Ende rangierte. Eine extrem schnelle Runde mit eher langsamem Beginn wäre aber auch zu riskant gewesen. Deshalb sollte Andi soweit wie möglich selbst aktiv ins Renngeschehen eingreifen, zu verlieren gabs ja sowieso nichts und Erfahrung sammeln kann man bei kleinen Wald- und Wiesenmeetings, aber nicht bei einer Europameisterschaft, wo man die Ehre hat, ein ganzes Land würdig vertreten zu dürfen.
Nach ca. 150m und dann etwas später nochmals lag Andi sogar kurz in Führung, bremste aber das T
empo vorsichtig herunter, damit wieder alles passte und ein anderer Läufer die Führungsarbeit übernehmen möge. In Führung war er eigentlich versehentlich, denn er bekam einen Schubs von hinten, da hat er sich nicht gewehrt. Dann hieß es Kontakt zur Spitze halten, eventuell noch ein paar Leute vorkommen lassen und dann den Vierten nicht aus den Augen lassen. Andi wusste aus dem 1. Semifinale, welche Zeit für ein Weiterkommen notwendig wäre (ca. 3:42), deshalb wurde dieses Tempo angepeilt, wenn niemand anderer fürs Tempo sorgen sollte. Die Durchgangszeiten haben sehr gut gepasst (400m in ca. 59", 800m in ca. 1:59, 1000m in ca. 2:30), es war nur die Frage, wann und mit welcher Heftigkeit nun die Post abgehen würde und wer von den Favoriten die Initiative ergreifen würde.
Das Tempo wurde dann etwas schneller, aber nicht sprunghaft, was in diesem Fall sehr günstig war. Bei ca. 1300m war Andi etwas eingesperrt und die Lücke nach vorne war kurze Zeit beängstigend groß. Vorne begann sich eine Dreiergruppe zu lösen, das war in diesem Fall aber eher uninteressant. Eingangs der Zielgerade vor den Augen seiner Eltern konnte Andi dann wie schon zuletzt beim Limitlauf in Oordegem noch einen Gang finden und er wusste, die letzten 50m sind seine Stärke. Di
e anderen Läufer in einem EM-Semifinale haben natürlich auch ihre Stärken und es wurde verdammt knapp. Immer wieder wurde Andi im Training auf die letzten paar Meter eingestellt, weil sich auch in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, dass es im finish um wenige Zentimeter gehen kann. Beim letzten Schritt zur Ziellinie drehte er den Oberkörper noch in eine ideale Position, um beim Zielfoto noch die eine oder andere Hundertstel herauszuquetschen.
Direkt nach dem Zieleinlauf wusste er nicht, ob er vielleicht sogar noch den 4. Platz und damit den Direktaufstieg geschafft hatte. Nun begann das Zittern. Auch der Vergleich mit den Zeiten des ersten Vorlaufes zeigte, dass es sehr eng zugehen könnte. Dann gabs von mehreren Stellen praktisch gleichzeitig Hoffnungen und Vermutungen, dass es tatsächlich sogar fürs Finale gereicht hätte. Georg Franschitz sah dann als Erster das tatsächliche Ergebnis auf seinem Monitor, das kurz darauf auch auf der Anzeigentafel zu sehen war. Andi hat sich über die Zeit (3:42,16) als insgesamt 11. (von12) für das Finale qualifiziert!
Trainer Wilhelm Lilge konnte es nicht fassen und saß minutenlang mit Freudentränen in den Augen da. Andi sagte später, dass er nach dem Zieleinlauf diese bangen endlosen Minuten gebetet hätte, dass es reichen möge. Danke an alle, die da mitgeholfen haben, die auch mitgezittert haben, ob im Stadion oder daheim und uns positive Energie geschickt haben. Danke für die vielen SMS, e-mails und Anrufe, die in den nächsten Minuten eintrudelten und Gratulationen zum Ausdruck brachten.
Freuen wir uns, dass Andi zum Saisonhöhepunkt in Höchstform ist und diese Form auch abrufen konnte. Bleiben wir aber auch demütig. Glück gehörte schließlich auch dazu. Glück z.B. auch in der Hinsicht, dass Andi vielleicht der einzige Teilnehmer an dieser EM ist, der in seinem ganzen Läu
fer-Leben noch nie einen Tag verletzt war. Das ist Glück (und etwas eigenes Zutun), dass nicht jedem Sportler gegönnt ist.
So, nun geht's aber zum Finale. Am Freitag um 22:00 ist es soweit. Heute waren ca. 23.000 Zuschauer beim Lauf im Stadion, am Freitag werden es wohl noch viel mehr sein und die Zuschauer werden vor allem die 3 Spanier im 1500m Finale mächtig antreiben.
Andi war natürlich nervös. Aber er schaffte diese positive Aufregung in Energie umzusetzen, geriet nie in Panik, sondern war im Rennen jede Sekunde aufmerksam bei der Sache. Er konnte sich bis jetzt immer steigern, wann es wirklich wichtig war, heute hat er sein (bisheriges) Meisterstück abgeliefert.
Es klingt vielleicht überheblich, aber das Finale wird eigentlich viel einfacher werden. Nicht weil wir jetzt größenwahnsinnig werden und
mit einem vorderen Platz spekulieren, sondern weil erstens die Zeit nun vollkommen egal ist, nur der Platz zählt, und jeder Läufer, den Andi vielleicht hinter sich lassen kann, so ist wie die Geschenkeverteilung zu Weihnachten und Ostern an einem Tag.
Er wird gegen Läufer antreten, die alle bessere und zum Teil wesentlich bessere Bestleistungen stehen haben und über wesentlich mehr Erfahrung auch in internationalen Rennen verfügen. Da sind Leute darunter, wo sich Andi vor ein oder zwei Jahren noch um ein Autogramm angestellt hätte, mit denen er jetzt auf Augenhöhe wettstreiten darf.
Aber wie schon Andi in ersten Interviews nach dem Rennen in der mixed zone selbstbewusst formuliert hat: „Diejenigen, die ich jetzt nicht schlage, die kann ich mir ja in ein paar Jahren noch holen!"