"quergeschrieben"??? Wilhelm Lilge war schon immer ein unbequemer Querdenker, der bestehende Strukturen und Gepflogenheiten in Frage stellt. Dabei sind ihm konstruktive Verbesserungsvorschläge wichtig, weshalb er auch das Buch "Sportland Österreich? Athleten, Abzocker, Allianzen" geschrieben hat. Gerade im Sport, aber auch in der Politik, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen scheinen ihm viele Dinge verbesserungswürdig. Er agiert unabhängig von Institutionen und Verbänden und lässt sich von keiner Seite parteipolitisch vereinnahmen.


"quergeschrieben" stellt seine persönliche Sicht der Dinge dar, nicht die Vereinsmeinung des team2012.at. Er greift gern zu direkten Worten, kritischen, harten, ironischen oder zynischen Formulierungen. Diese stoßen nicht immer und überall auf Zustimmung, persönliche Beleidigungen sind aber keinesfalls die Intention. 

Trotz penibler Recherche kann es passieren, dass Fakten nicht ganz richtig dargestellt oder Personen zu Unrecht verunglimpft werden. Falls dies passiert, ersuchen wir um Kontaktaufnahme zur Richtigstellung oder Löschung bestimmter Textstellen, um Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden.

 

Die Beiträge hier sollen zum Nachdenken anregen, können durchaus provozieren oder Widerspruch erzeugen und werden keinesfalls als die alleinige Wahrheit angesehen. Wenn der eine oder andere Text einen interessanten Blick hinter die Kulissen verschafft und zur Unterhaltung beiträgt, dann ist der Zweck erfüllt.

 

 

 

Nicht alle werden den hier formulierten persönlichen Meinungen zustimmen, aber sehen wir es sportlich: besser polarisieren als langweilen. Eines ist jedenfalls sicher: Wilhelm Lilge lässt sich weiterhin durch Nichts einschüchtern und ist auch nicht käuflich.

"Charity-Läufe" - wer profitiert wirklich?

Helfen ist gut, keine Frage. Es gibt immer mehr Charity-Läufe/Benefiz-Läufe, die auf den ersten Blick eine tolle Sache sind und einem guten Zweck dienen. Der Grundgedanke: Laufen und Helfen wird gekoppelt. Einerseits gibt es Sportveranstaltungen, die aus einem konkreten Anlass (z.B. Unfall von Kira Grünberg) organisiert werden, andererseits jene, wo das Argument, dass mit der Teilnahme (und dem Bezahlen der Nenngebühr) jemandem geholfen wird, mehr Teilnehmer angelockt werden sollen. In den seltensten Fällen ist dabei wirklich transparent, wie viel eingenommen wird, wie viel gespendet wird und vor allem, wer tatsächlich am meisten von den Einnahmen profitiert. Nicht immer ist es klar, ob die "Charity" Aktion diese Bezeichnung rechtfertigt.

 

Schauen Sie sich die Ausschreibungen dieser Veranstaltungen ruhig genauer an, falls diese Information überhaupt zu finden ist. Nebulose Bezeichnungen wie: "Die Einnahmen kommen der Organisation XY zugute", oder vage "für die Forschung" sollten hellhörig machen. Leider gibt es auch abseits vom Sport zu viele Fälle, wo Spendengelder (v.a. für Organisationen im Ausland) nur in geringem Ausmaß dort ankommen, wo sie eigentlich sollten und manchmal fließen die Mittel über Umwege zurück zum Veranstalter oder Personen/Organisationen in dessen Umfeld.

In der Praxis gibt es folgende Abstufungen von Charity-Läufen:

  • "Alle Einnahmen werden für den Zweck X verwendet" bedeutet, dass alle Startgelder und auch etwaige sonstige Einnahmen (Sponsoren, Spenden, …) abgeliefert und die Einnahmen auch nicht zur Abdeckung etwaiger Organisationskosten (Zeitnehmung, Startnummern, Streckensperren/Genehmigungen, Helfer, Labestationen, …) verwendet werden. Sachspenden für den Veranstalter (z.B. Getränke für die Labestellen oder Stellung einer Tonanlage durch einen Sponsor) sind ein anderes Thema.
  • Bei "Der gesamte Reinerlös wird für den Zweck Y verwendet" sollte man schon etwas vorsichtiger sein. Beim "normalen" Unternehmer ist der Erlös die Differenz zwischen Aufwand und Ertrag, bei einer Sportveranstaltung ist das nicht immer so einfach, v.a. wenn unter den Aufwendungen auch ein angemessenes (?) Geschäftsführerentgelt oder ein Organisationskostenbeitrag verrechnet wird. Etwas vereinfacht ausgedrückt: ein Laufveranstalter kann sich für die Organisation ein Fantasie-Entgelt von € 10.000.- genehmigen und dann den spärlichen Rest großzügig abliefern. Wenn auf vorsichtiges Nachfragen beim Veranstalter gleich mit Klage gedroht wird, bleibt ein ziemlich unguter Beigeschmack.
  • Bei "Die Startgelder werden zur Gänze (oder in einem bestimmten Ausmaß) für den Zweck Z gespendet", ist das zumindest nachvollziehbar, wenn die Anzahl der (zahlenden) Starter und die Höhe des Startgeldes bekannt sind. Somit kann jeder potentielle Teilnehmer entscheiden, ob der Begriff "Charity-Veranstaltung" gerechtfertigt ist. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass bei großen, werbeträchtigen Veranstaltungen die Werbe- und Sponsoreneinnahmen oft beträchtlich höher sind als die eingenommenen Startgelder und diese selten transparent gemacht werden.

Man könnte diskutieren, ob es unterstützungswürdig ist, wenn bei einer sich als "Charity-Event" deklarierenden Veranstaltung ein Großteil der Einnahmen beim Organisator bleibt oder u.a. für das Geschäftsführer-Entgelt einer „gemeinnützigen Stiftung“ verwendet wird.

Ich denke, solange es transparent ist, wer in welchem Ausmaß tatsächlich profitiert, ist das auch in Ordnung. Es kann dann jeder selbst entscheiden, ob er an einer solchen Veranstaltung teilnimmt und bezahlt. Nicht in Ordnung ist es aber, wenn eine Veranstaltung in der Werbung vor allem als "Charity-Lauf" ("für den guten Zweck") positioniert wird, tatsächlich aber nur wenige Prozent der Einnahmen gespendet werden. Ehrlicher wäre es dann (was es auch gibt) darauf hinzuweisen, dass im Rahmen einer (kommerziellen) Veranstaltung eben auch ein Charity-Projekt im bestimmten Ausmaß unterstützt wird. Nicht mehr und nicht weniger.

Anm: Dieser Beitrag von Wilhelm Lilge wurde im Laufsport-Magazin (6/2016) veröffentlicht.